Ich trete meine Wache wie geplant um Mitternacht an. Nach einer kurzen Diskussion vor der Abfahrt hatten wir uns für ein 6 Stunden Wachsystem entschieden und ich habe die Hundewache übernommen. 

Das Wachsystem ist mit dem gestrigen Ausfall aber völlig über den Haufen geworfen worden.

Der Wind geht kalt mit 25 kn (in Böen auch mehr) über das Wasser und türmt gute 3 Meter Welle auf. Das alles kommt von achtern, sodass man kaum Schutz unter der Sprayhood suchen kann. Neptuns Opfer liegt in seiner Koje und erträgt das Ungemach sehr tapfer. Schlafen ist dabei doch die beste Medizin, damit der Körper zu Ruhe kommen kann und bei Kräften bleibt.

Wir beratschlagen, wie wir der geschundenen Seele unter Deck am Besten helfen können. Laufen wir ab? Wenn ja wohin?
Hörnum ist der nächste Hafen, aber bei dem Wind und der Welle befürchten wir eine heftige Grundsee, die wir jetzt bei Dunkelheit nicht aussteuern können.
Bei List müssten wir einen großen Bogen um die Barre herumfahren, was die Sache auch nicht wirklich einfacher macht.
Esbjerg wäre die nächste Lösung, aber dort kommen wir genau in den Ebbstrom, was die Fahrt unnötig verlängert und keine Abhilfe ist.
Hinter dem Horns Rev müsste die Welle gebremst werden und wir können etwas abfallen. Die Fahrt wird dahinter ruhiger. Der nächste Hafen ist dann Hvide Sande. Es ist insgesamt nicht viel weiter als Esbjerg und die Fahrt müsste ruhiger werden. 

Die Entscheidung müssen wir nicht sofort treffen, da Sylt definitiv keine Alternative für uns darstellt. Danach können wir entscheiden, ob wir nach Esbjerg ablaufen oder hinter das Horns Rev fahren. Die Entscheidung müssen wir aber erst in ein paar Stunden treffen.

Das Leuchtfeuer von Amrum, wandert langsam von querab nach achterlich, Hörnum und Kampen sind weithin an Steuerbord sichtbar. Sie werden uns langer begleiten, erst von See aus merkt man wie lang Sylt tatsächlich ist. Der Wind wird gefühlt immer kälter und kriecht langsam unter das Ölzeug. Die Hundewache hat ihren Namen wahrlich verdient.

Wir machen zwar gute 6 kn - 7 kn Fahrt, teilweise auch mehr, aber das monotone Auf und Ab durch die Wellen, gepaart mit dem eintönigen geblinke an Steuerbord macht die Wache nicht aufregender. Ich merke, wie die Müdigkeit in mir aufsteigt. An Backbord kommt langsam ein Offshore Windpark auf, sodass ich zumindest vom langweiligen Geblinke an Steuerbord mit einem langweiligen Geblinke an Backbord abgelenkt werde.

Gegen 4:00 Uhr kommt Ralf ins Cockpit und übernimmt erstmal das Rude. Ich versuche mich wach zu halten. Als ich fast im Sitzen einschlafe, geht eine 4 Meter Welle unter der Yacht durch und lässt mich von der Bank rutschen… Zumindest bin ich wieder wach. 

Langsam erkennt man am Horizont den Lichterschein von Esbjerg. Wir nähern uns also auch langsam dem Horns Rev. Der Patient hat in den Schlaf gefunden, sodass wir nicht nach Esbjerg ablaufen müssen. Also weiter…

Der Lichterschein von Esbjerg verblasst langsam in der Dämmerung und bald danach geht auch schon die Sonne auf. Ein fantastischer Anblick nach einer langen Nacht. Mit der Dunkelheit geht auch meine Müdigkeit. Die Sonne hat um diese Jahreszeit nicht mehr viel Kraft, reicht aber aus um Lebensgeister zu wecken. Ein heißer Kaffee tun das übrige…

Als die Sonne zwei Finger breit über dem Horizont steht darf ich in die Freiwache. Kaum liege ich, schon kann ich nicht einschlafen. Wir haben immer noch viel Bewegung im Schiff und weil im Horns Rev die Genua geschiftet werden muss, wirft es mich in meiner Koje ebenfalls hin und her. 

Nach ein paar Stunden Ruhe treibt mich der Hunger aus der Koje. Das Rev liegt lange achteraus und tatsächlich ist die Fahrt ruhiger geworden. Auch Neptuns hat sich von Bord verzogen und unser Patient kann langsam wieder Nahrung zu sich nehmen. Der Wind nimmt auch langsam ab, er hat das Schlimmste überstanden.

Wir laufen ohne weitere Ereignisse auf Hvide Sande zu. Wind und Welle nehmen langsam ab und in der Hafenzufahrt sind wir auch wieder zu 4. an Deck. Um 17:00 Uhr sind wir fest und der Anleger besteht heute aus 3 Dosenbier und 1 Früchtetee… 

Der Hafen ist nicht wirklich hübsch, ist er doch eigentlich nur ein Fisch-Industriehafen. Aber er hat alles was das Seglerherz (im Notfall) begehrt. Strom, Wasser, saubere Duschen (aus den 60er), WC, Bäckerei, Supermarkt, Fischräucherei und ganz viele deutsche Touristen…

Zum Abend gibt es natürlich frischen Räucherfisch und frisches Brot, ein Gaumenschmaus auch für den “nicht-mehr-Seekranken”.

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