Um 07:45 Uhr stehe ich an Deck. Immerhin will einer der Nachbarn gleich los. Unsere direkten Nachbarn, die uns gestern so gut beim Anlegen geholfen haben, schicken mich gleich wieder unter Deck. Der Nachbar will doch nicht los, nachdem er den Wettebericht gehört hat. Er müsste heute gegenan segeln.

(Als ob der Wetterbericht nicht gestern schon veröffentlicht wurde...)

DWD 03:02 UTC: Vorhersage bis heute Nacht: Deutsche Bucht: NW 4-5 etwas zunehmend, NO-Teil 6 vorrübergehend diesig, See zunehmend 1,5 Meter.

Und wo will der eigentlich hin, wenn er "gegenan" will?

Wir nutzen die gewonnene Zeit holen Brötchen, und gehen anschließend zum "Schiffsausrüster". Die Ware wird uns direkt hinterher gefahren und wir bunkern alles ein. Die übrigen Nachbarn wollen gegen 10:00 Uhr los, also nehmen wir das auch für unserer Startzeit. Bis dahin: Frühstück...

Der Wind weht gemäß Vorhersage, zwar etwas weniger im Hafen, aber wir haben den Wind von Achtern. Heute machen sich unsere lange Leinen zum Steg bezahlt. Ich merke das erst, als wir die achterliche Leine lösen (lassen). Wir treiben sofort auf das leewärtige Päckchen zu. Einen Zusammenstoß (wohlgemerkt: wir sind offizielle noch fest an Land) können wir nur durch kräftige Rückwärtsfahrt verhindern...

 

5 Boote legen nahezu gleichzeitig ab. Wir fahren erstmal in den Vorhafen, um die Genua auszurollen. Eigentlich hätte ich auch gerne das Gross mit gesetzt, aber wir haben dafür kein 3. Reff und auf (nahezu) Vorwind deckt das Gross nur die Genau ab. Die Entscheidung wird sich später noch als "Goldrichtig" erweisen. 

Wir können tatsächlich aus den Vorhafen heraussegeln. Vor Helgoland 6 müssen wir etwas abkürzen, aber das hat keiner gemerkt. Wir setzen Kurs vor das VTG Terschelling German Bight, um bei TG 9/Weser 2 in die Küstenverkehrszone einzubiegen.

Wir haben die Abdeckung von Helgoland noch nicht ganz verlassen, das schleicht Neptun schon ums Boot. Wir verkleinern schon mal vorsorglich die Genua auf 1/2, damit wir etwas ruhiger fahren. Geschwindigkeit haben wir dadurch nicht (viel) verloren, wir machen gut Fahrt durchs Wasser. Aber Neptun kommt nun endgültig an Bord. 

Segerische geht es gut voran. Allerdings habe ich etwas zu viel vorgehalten, sodass ich nicht vor dem VTG ankomme, sondern schon fast drin bin. Der Fehler fällt mir deswegen so spät auf, weil ich im Steuerstand keinen Plotter oder Plotter Tochter o. ä. habe. Ich korrigiere als den Kurs weiter nach Süden, sodass wir nicht das VTG schneiden.  

Zwischenzeitlich schmiede ich schon Ersatzpläne. Nach Langeoog bedeutet: aushalten bis mindestens (!) 16:00 Uhr, um 3 Stunden vor HW durch das Seegatt zu laufen. Bei 1,5 Meter Welle vielleicht sogar lieber erst 2 Stunden vor HW? Was wäre mit Wilhelmshaven? In die Jade geht immer und je weiter rein, je ruhiger... Außerdem könnte ich etwas abfallen und die Welle kommt nicht mehr genau von der Seite. Die Entscheidung ist gefallen. Ein sehr kurzer Blick auf Karte und Plotter gibt mir den neuen Kurs: südlich halten, bis die Fahrwassertonnen der Jade auftauchen. Dann links rum den Tonnen hinterher.

Der Erfahrene Segler merkt: Navigation geht anders. Aber in der Situation war es das Beste, was ging. Alsbald tauchen ein paar Frachter vor Anker am Horizont auf. OK, da muss es irgendwo lang gehen. Durch die Reede durch, an der Lotsenversetztstation vorbei (da hätte ich stutzig werden sollen) und irgenwo auf eine Fahrwassertonne zuhalten. Mich wundert zwar, dass die hier so weit auseinander stehen, denn die Jade ist eigentlich ein recht schmales Fahrwasser, aber ich habe in diesem Moment keine Gelegenheit Position und Kurs zu überprüfen.

Ein paar Minuten Später taucht am südlichen Horizont ein Krieger (Seemännisch für Kriegsschiff) auf. Meine Gedanken dazu: "Komisch, südlich der Jade ist doch kein Fahrwasser mehr, wie soll da denn ein Krieger  sein, der müsste doch dort entweder im Watt oder sogar auf Land sein ..." und " ....". OK, ich bin bei den Fahrwassertonnen in die Weser abgebogen und nun eigentlich auf den Weg nach Bremerhaven. 

Ich warte einen günstigen Moment ab, springe schnell unter Deck und suche mir einen sicheren Kurs in die Jade. Leider auch nur einen ganz kurzen Moment, der aber für die Zielfindung ausreicht. Kurs 200 Grad, dann kommen die Fahrwassertonnen und der Kurs ist weit von der 5 Meter Linie entfernt.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich habe durch die schlechte Navigation mindestens 1 Stunde "verloren". Seglerisch lief es zwar gut, aber Neptun hat uns so leider auch länger besuchen können.

In der Jade wird das Wasser schnell ruhiger, die Welle nimmt schnell ab, da sie nicht über die Wangerooger Plate klettern kann. Neptun, der ungebetene Gast, will aber trotzdem noch nicht gehen. Zwischenzeitlich kann ich die Genua ausreffen, und der Autopilot kann nun auch ohne zu streiken wieder längere Strecken übernehmen.

Ich melde uns telefonisch bei der Seeschleuse für 17:30 Uhr an und ein Anruf bei der Kaiser Wilhelm Brücke sichert uns die letzte Durchfahrt des Tages um 18:00 Uhr (bzw. wenn wir da sind).

In der Schleuse verlässt uns Netun (endlich). Vielleicht war es der Seehund, der im Schleusenbecken nach uns gesehen hat? Ein Fotobeweis muss ich leider schuldig bleiben.

Im "Großen Hafen" drehen wir eine Runde und klappern alle Yachclubs mit ihren Anlegern ab. Überall steht: "Gastlieger willkommen", aber die Häfen sehen leider nicht danach aus. Wir entschließen uns für einen Club, bei dem zumindest Strom und Wasser am Steg liegt. Einladend sehen nicht alle Stege aus, einer ist schon in sich zusammengestürzt. Wir entscheiden uns für einen intakten Beton Ponton mit Fingersteg. Immerhin hängen dort Autoreifen und Fender, es könnte also sein, dass das Ding hält.

Wir haben nun auch keine andere Wahl mehr, denn die Kaiser Wilhelm Brücke hat für heute zu. Wir können uns nur zwischen Not und Elend entscheiden.

Immerhin haben wir Strom und Wasser, um das Deck zu reinigen. 

Ich muss nun aber dazu sagen, dass der Hafenmeister sehr hilfsbereit und freundlich ist. Dusche kostet 1 Wertmarke für 1 Euro, Strom und Wasser kostenlos. Dusche und WC ist im ansässigen Restaurant, dafür bekommt man beim Hafenmeister einen Schlüssel. Also für Dusche und WC, nicht fürs Restaurant...

Wir klaren noch das Schiff auf, dann gibt es Nudeln mit Tomatensoße zum Essen und einen Robert Redford Klassiker zur Unterhaltung.

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